Was uns „Leilas Brüder“ über das Land verrät

Wer den Iran verstehen will, darf  auf die prächtigen Moscheen von Isfahan oder die antiken Säulen von Persepolis blicken. Doch er muss in die Gesichter der Menschen schauen – und in ihre Kinos. Denn im Iran ist das Kino mehr als Unterhaltung; es ist der Spiegel einer zerrissenen Gesellschaft.

Ein Film, der mehr sagt als tausend Nachrichten

Ein Meisterwerk der letzten Jahre, das jeder Iran-Interessierte kennen sollte, ist „Leilas Brüder“ (Baradaran-e Leila). Der Film wurde in Cannes gefeiert, im Iran jedoch verboten. Warum? Weil er den Finger in die tiefste Wunde des Landes legt.

Die Geschichte ist eine Parabel auf den modernen Iran: Eine Familie kämpft gegen den wirtschaftlichen Abgrund. Während die Tochter Leila – hochgebildet, pragmatisch und mutig – versucht, mit einem Geschäftsplan die Existenz ihrer Brüder zu retten, hortet der Vater heimlich Goldmünzen. Nicht um zu helfen, sondern um sie bei einer Hochzeit zu verschenken und so zum „Patriarchen“ des Clans aufzusteigen.

Die Spaltung: Prestige vs. Überleben

Hier begegnen wir dem Kernkonflikt, den man auch als Reisender spürt:

Auf der einen Seite steht der Wunsch nach Ehre und Beständigkeit. Besonders in ländlichen Regionen ist der Respekt vor dem Alter und dem religiösen Erbe das Fundament. Hier findet man die legendäre iranische Gastfreundschaft, aber auch das Festhalten an einem System, das vielen im Westen archaisch erscheint.

Auf der anderen Seite steht die junge Generation, verkörpert durch Leila. Sie ist vernetzt, gebildet und verzweifelt. Sie sieht, wie Ressourcen für Prestige oder regionale Machtspiele verschwendet werden, während die Inflation die Zukunft auffrisst.

Warum das für Reisende wichtig ist

Wenn man durch den Iran reist, sieht man oft zwei Welten gleichzeitig. Man sieht den Bauern, der seine Traditionen liebt, und die Studentin im Teheraner Café, die von einer anderen Welt träumt.

Der Film lehrt uns, dass der Iran kein monolithischer Block ist. Es ist ein Land im „Bauernkrieg“ der Moderne. Während der Staat Milliarden in regionale Politik investiert, fragen sich die Menschen im Land – genau wie Laila –, warum dieses Geld nicht in Bildung und Infrastruktur fliesst.

Die Tatsache, dass Iraner solche tiefgründigen Filme produzieren (und sie trotz Verboten massenhaft schauen), zeigt die unglaubliche geistige Vitalität dieses Volkes.

Fazit für Ihre Reise

Hinter der politischen Fassade des „Gottesstaates“ verbirgt sich eine hochkomplexe Gesellschaft. Wer den Iran besucht, sollte wissen: Man betritt ein Land, das wie Laila um seine Identität ringt. Die Gastfreundschaft, die Sie erleben, ist echt. Sie existiert im Schatten eines enormen wirtschaftlichen Drucks.

Schauen Sie sich „Leilas Brüder“ an, bevor Sie Ihre Koffer packen. Er wird Ihnen helfen, die Seufzer der Menschen in den Basaren und den Stolz in ihren Augen besser zu verstehen.




«Terrestrial Verses» im Freiluftkino Baden

Inmitten der Stadt Baden, auf dem Dach des Parkhauses Gartenstrasse, findet jedes Jahr ein ganz besonderes Kinoerlebnis statt: Das Freiluftkino Baden. Mit viel Liebe zum Detail wird hier eine gemütliche Atmosphäre geschaffen, in der man an lauen Sommerabenden Filme unter freiem Himmel genießen kann.

Dieses Jahr wird Freunden von Reisen nach Iran der Alltag mit dem Film «Terrestrial Verses» von Ali Asgari & Alireza Khatami näher gebracht. Filmsponsor: Nuak Architekten, Zürich. In neun Episoden erzählt der Film vom alltäglichen Wahnsinn, dem die Menschen im Iran im Umgang mit den Behörden ausgesetzt sind. Mit sarkastischem Humor gespickt, begleitet der Film unter anderem einen Vater, der seinen Sohn nicht nach eigenem Wunsch benennen darf, ein Mädchen, dem die Kleidervorschriften die kindliche Freude nehmen, eine Frau, die auf dem Polizeiposten beschuldigt wird, ihr Kopftuch nicht zu tragen und eine Schülerin, die von der Direktorin für ihre Freundschaft ausgefragt wird. 

Inspiriert von wahren Begebenheiten beleuchten diese Geschichten den behördlichen Umgang mit den Menschen im Iran. «Terrestrial Verses» ist ein Film, der berührt, nachdenklich macht und zum Diskutieren anregt. Das Kino legt hier den Finger auf jene offene Wunde hinsichtlich des Verhältnisses der iranischen Obrigkeit mit ihren Bürgern. 

Einzigartige Atmosphäre und filmische Highlights

Das Freiluftkino Baden bietet eine einmalige Atmosphäre. Bei einem Getränk an der Bar kann man den Sonnenuntergang genießen, bevor der Film auf der Leinwand beginnt. Und an milden Sommerabenden gibt es kaum einen schöneren Ort als ein Freilichtkino, um unter freiem Himmel einem spannenden Film zu lauschen.

«Terrestrial Verses» ist also ein Muss für alle Reisenden, die einen Einblick in den Iran gewinnen möchten. 




Until Tomorrow (Ta farda)

Fereshteh studiert und arbeitet in Teheran. Die Eltern wissen nicht, dass Fereshteh eine zwei Monate alte uneheliche Tochter hat. Dies ist in der iranischen Gesellschaft nicht akzeptiert. In der Anonymität von Teheran hingegen kein großes Problem.

Nun melden sich ihre Eltern spontan zu einem Besuch, und das Kind benötigt für die Nacht einen sicheren Platz. Eigentlich kein Problem – wenn nur der Zeitdruck nicht wäre. Mit ihrer Mitbewohnerin Atefeh begibt sich Fereshteh auf eine Odyssee durch die Stadt.

So erzählt der Film des Regisseurs Ali Asgari eindrücklich einen Tag in Teheran und zeigt auf, was es für Menschen in Iran bedeutet, außerhalb traditioneller Familienstrukturen zu leben.

Es ist eine Hommage an die unerschrockene Generation der Millennials, welche das patriarchalische Wertsystem herausfordert. 




Persepolis

Lieber offen rebellieren oder im Versteckten feiern? Für das Leben im Familienkreis ein menschenverachtendes Regime erdulden, oder besser alleine Sicherheit und Glück im Ausland suchen? Ich bekam diese Fragen und Träume bei meinem Besuch im Iran 2016 mit. Viele junge Iraner träumten schon damals von der Emigration in die USA oder nach Europa.

Im privaten Umfeld lief vieles ganz anders ab, kein Kopftuch, tanzen zu moderner Musik und ein sparsamer Schuss Alkohol. Im Alltag gehorchten die jungen Leute allerdings dem Regime. Eine Todesstrafe fürs Feiern ergibt ja keine Perspektive. 

Solchen Fragen sieht sich ebenfalls die junge Iranerin Marjane Satrapi ausgesetzt. In ihrer autobiografischen Graphic-Novel-Verfilmung “Persepolis” wird klar, dass diese Fragen nur temporäre Antworten kennen, die sich bald als falsch erweisen. Sie vermitteln die Bewältigung einer ganzen Reihe von gesellschaftlichen und privaten Krisen, mit bemerkenswertem Humor und Leichtigkeit erzählt.  Ein paar Bilder aus dem Comic, welches dem Film zugrunde liegt;

Gräueltaten und historische Ereignisse werden aus naiver Kinderperspektive gezeigt. Als universell emotionaler Anker dient insbesondere die Beziehung zur Grossmutter. 

Wie soll ich die Politik im Iran betrachten? Bisher blieb die Webseite unpolitisch. Iran ist eine Theokratie, für mich kein System, das ich für gutheisse. Andererseits konnte ich im Iran Musik spielen, führte viele gute Gespräche und hatte das Gefühl, die Menschen arrangierten sich mit ihren Bedingungen. 

Jetzt flammen aber Konflikte auf, es geht um die Entfaltung junger Menschen. Begegnungen helfen hier weiter. 




A Hero – versunken in der Schuldenfalle

Im Schuldenstrudel zu geraten ist überall auf der Welt ein Problem. Sie kann im Gefängnis enden. Der Film «A Hero», den ich am Zürcher Filmfestival sehen konnte, übt leichte Gesellschaftskritik. Er zeigt das Leben eines Kleinunternehmers, seine Probleme und seine Liebe. Ein schön gemachter Film, der mit zahlreichen Preisen dekoriert wurde.

Trailer «The Hero»

Der Film zeigt das iranische Gefängnis ein wenig als «Wohlfühlstation». Die Unterbringung ist bequem, die Gefängnisleitung ist gesprächig und hilfsbereit. Das in einen Land, wo es rasch zu schweren Strafen kommt, z.B. der Todesstrafe.

Das beeindruckende Drama von Ashgar Farhadi wurde als Plagiat angegriffen. Der Filmemacher reagierte mit einer Anzeige wegen Verleumdung, da drohten der Klägerin schon einmal Peitschenhiebe und bis zu 2 Jahren Gefängnis. Nur weil jemand ein «Unrecht» in den Raum stellt und es im besten Fall nur «Geld» gegeben hätte. Die Studentin Azadeh Masihzadeh hat für den Film lange recherchiert, jedoch im Auftrag von Ashgar Farhadi. Doch ist sie damit Urheberin? Das Gericht bejahte dies, es geht in die nächste Instanz.
Artikel bei SRF

Wie denn auch sei, ich wünsche Ashgar Farhadi weiterhin viel Glück filmisch das Leben im Iran zu beschreiben.




Zensur in der Literatur

Islamische Länder stören sich an westlicher Literatur. Dort werden Wertvorstellungen vermittelt, die geselllschaftlich nicht toleriert werden. Der Iran legt daher hohe Latten an die Übersetzer. Darüber berichtete Akram Pedramnia an den Solothurner Literaturtagen. Sie hat z.B. das Werk Lolita von Vladimir Nabokov übersetzt und viele andere Autoren. Der Buchtitel von Lolita ist komplett anders, im Westen erotisch angehaucht mit langen Beinen, die persische Version eine geschickte Fotografie.

Übersetzer wollen, dass ein Buch in Persien veröffentlicht werden. Die offiziellen Regeln sind nicht klar. Meistens versuchen bereits bei der Übersetzung Zensur zu verhindern. Ist das Kreativität? Ja, doch andererseits wird die Kreativität der Schriftsteller verfälscht.

Die Behörden zensieren Wörter, Absätze oder ganze Kapitel, unter Umständen bedeutet das die Flucht in den Schwarzmarkt. In der Zeit, als Afghanistan durch die USA besetzt gewesen ist, hatte es die Literatur leicht. Einige Bücher wurden gedruckt, die später im Iran auf dem Schwarzmarkt auftauchten.

Iran ist eine Kulturnation, sie lieben Literatur, die Zensur weniger. Akram Pedramnia veröffentlicht ihre Bücher, damit diese nachgedruckt werden. Der Verlag verdient nichts, doch die Leser sehen Einblicke in eine andere Welt. Dennoch, verdammt werden, darf der Iran auch nicht. Es gibt kritische Filme, welche die Zensur gewähren lässt, vor allem zu sozialen Fragen, wie z.B. «A Hero»

Noch eine Anmerkung, auch die USA zensieren, indem sie im Iran Google verbieten und somit den Zugriff auf viele Informationen erschweren, speziell, wenn Reisende unterwegs sind.